Rundfunkgeschichte: Wolfgang Kadels Sammlung in Birkenau
Hinter dem Schaufenster von Wolfgang Kadels Elektrofachgeschäft befindet sich ein kleines Rundfunkmuseum. Die Sammelleidenschaft für Radio- und Fernsehgeräte wurde ihm in die Wiege gelegt.
Per Touch geht hier nichts, kein Berühren eines Displays mit der Fingerkuppe löst die Musik aus, sondern das Drehen des Senderknopfs lässt aus einem – scheinbar – „alten Kasten“ ein echtes Schmuckstück werden, wenn es kurz knackt und dann die Musik ertönt. Wie viele solcher Radiomodelle er im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hat, das kann Wolfgang Kadel nicht sagen, denn es sind zu viele.
Kleine Geschichte des Radios
Am 29. Oktober 1923 ging das Radio in Deutschland zum ersten Mal auf Sendung. „Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin, im Vox-Haus. Auf Welle 400 Meter“, sprach Friedrich Georg Knöpfke, Direktor der Funkstunde Berlin. Seitdem ist das Radio nicht mehr wegzudenken und hat bis heute überdauert und sich stets erneuert, auch wenn es zu Zeiten des Dritten Reichs als Propagandainstrument gebraucht wurde.
Ob Dokumentationen, Radiohörspiele oder legendäre Radioerinnerungen, wie die Reportage zum WM-Finale 1954 – „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“, sind sie alle untrennbar mit dem Radio verbunden. Laut Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse gab es im Juli 2024 rund 500 Radiosender in Deutschland.
Er ist in Birkenau bekannt – unter anderem für die besonderen Schaufenster seines Elektrogeschäfts: Im Sommer stimmte er, der 17 Jahre lang als Hallensprecher fungierte, noch mit Exponaten rund um TSV-Geschichte und Handballsport auf das Doppeljubiläum des TSV Birkenau und das dazugehörige Jubiläumsspiel ein, ein Jahr zuvor – anlässlich 100 Jahren Radio – zeigte er besondere Radiomodelle aus den vergangenen Jahrzehnten – „und die Leute haben sich am Fenster die Nasen platt gedrückt“, erinnert sich Kadel mitten in dem Raum stehend, den man wahrlich als kleines Rundfunkmuseum bezeichnen kann. So eröffnet sich hinter dem Schaufenster eine kleine, feine Reise in die Rundfunkgeschichte.
Mehr als Kindheitserinnerungen
Nachrichten und natürlich Musiksendungen aus dem Radio – auch für Kadel gehört das fest zu seinen Kindheitserinnerungen. So sitzt er an diesem Tag – wie wohl einst zu Kindertagen – an einem großen Holztisch und dreht an den Radioknöpfen. Heute allerdings aus einem bestimmten Grund, den er zeigt: „Sie haben zwar schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, aber einige von diesen Modellen funktionieren noch einwandfrei“, sagt der 63-jährige Birkenauer – und Songs aus dem Jahr 2024 kommen aus dem Gerät, das über ein halbes Jahrhundert alt ist.
Regale voller Nostalgie
Vom Kofferradio bis zum hochwertigen Schallplattenspieler – in den Regalen in Kadels kleinem Rundfunkmuseum kommen Nostalgiefans auf ihre Kosten. Das älteste Radiogerät seiner Sammlung wurde im Jahr 1928 gefertigt. Kadel verfügt darüber hinaus aber auch über besondere Modelle der Rundfunkgeschichte, wie zum Beispiel über einen sogenannten Detektorempfänger vom Ende der 1920er-Jahre und somit aus den frühen Anfängen des Rundfunks, den man entdeckt, wenn man seinen Blick durch die mit Nostalgie gefüllten Regale schweifen lässt.
Auch einige Raritäten
Auch Raritäten, wie ein Tefifon-Gerät aus den 1950er-Jahren, das Schallband-Kassetten abspielen, sich jedoch in der schnellen technischen Entwicklung nicht durchsetzen konnte, zählen zu den Schätzen dieser Sammlung. Kadel erklärt mit viel Liebe zum Detail und mit viel Detailwissen vieles rund um die einzelnen technischen Entwicklungen.
So zeigt er unter anderem Designklassiker wie die umgangssprachlich als „Schneewittchensarg“ bezeichnete Radio-Plattenspieler-Kombination aus der Mitte der 1950er-Jahre. TV, Radio, Kassette, Videokamera, Tonband, Minidisc – es gibt kaum ein Medium, zu dem er nicht etwas erklären und das man nicht in seinen Regalen finden kann. Ganz im Gegenteil.
Eine Sammelleidenschaft
Kadel, der im Jahr 1985 die Meisterprüfung im Elektroinstallateurberuf und im Jahr 1988 in der Radio- und Fernsehtechnik ablegte, interessiert sich seit jeher für die Rundfunkgeschichte und die seiner Familie. Und beide sind für ihn unmittelbar miteinander verknüpft. Seine Begeisterung für die Rundfunkgeräte wurde ihm quasi in die Wiege gelegt.
Eröffnung im Jahr 1928
Eröffnet im Jahr 1928 als Gebrüder Kadel Radiobetrieb fußt Kadels Elektrogeschäft, das er im Jahr 1992 übernahm, auf einer Familiengeschichte. Und diese beinhaltet auch die Sammelleidenschaft: Bereits Kadels Großvater Peter und Vater Werner begannen mit der Sammlung, die Wolfgang Kadel weiter pflegt und stets erweitert. Dabei kann er auf die Unterstützung von Freunden und Kunden, die ihm entsprechende Geräte überlassen, und auch auf die Hilfe von langjährigen Mitarbeitern wie Hans Eschwey bauen, der einige Radio-Raritäten repariert hat. Auch hat ihn Raimond Huber unterstützt, der Kadel einige Geräte zur Verfügung gestellt hat.
Aber auch im Netz schaut Kadel regelmäßig nach kleinen Schätzen für seine Sammlung – und wird immer mal wieder fündig, wie er demonstriert. „Wissen Sie, was das ist?“, fragt er und zeigt auf eine Tonwalze aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts. Und auch eine historische Grußkarte, die gleichzeitig eine Schallplatte ist, gehört zu diesen Funden.
WM-Spiel von 1954
Kadel, der aufgrund seiner Expertise bereits Vorträge zur Rundfunkgeschichte auf Einladung des Kulturvereins gehalten hat, hat aber nicht nur eine Vorliebe für das Radio und Musikgeräte, sondern eben auch für das Medium Fernsehen, das im Jahr 1953 auf den Markt kam. Aus ebenjenem Jahr stammt das TV-Gerät, das das älteste seiner Sammlung ist.
„Über solche Fernsehgeräte, die in den Anfangsjahren nur in den Birkenauer Gasthäusern zu finden waren, wurden die Fußballspiele übertragen – auch das WM-Finale von 1954. Unglaublich, wenn man die Größe der Bildschirme von damals mit heutigen Augen betrachtet“, sagt Kadel und zeigt auf den kleinen Bildschirm, der einst ein ganzes Gasthaus zum Jubeln brachte.
Als durch das Farbfernsehen ab dem Jahr 1967 eine weitere technische Revolution in die Wohnzimmer der Menschen einzog, war Kadel gerade einmal sechs Jahre alt. Ein technischer Meilenstein, der wohl auch dazu beigetragen hat, dass er vom Rundfunk fasziniert war – und es bis heute ist.
Führungen nach Vereinbarung
Wer daran interessiert ist, die nostalgischen Modelle selbst zu sehen, für den bietet Kadel nach vorheriger Vereinbarung gerne Führungen an. Und wenn sich jemand meldet, der einen Raum zur Verfügung stellen möchte, würde Kadel auch eine öffentliche Ausstellung konzipieren wollen, denn unter anderem seine Motto-Schaufenster zeigen ihm, dass das Interesse besteht.
Apropos: Gibt es schon Ideen für ein weiteres Schaufenster? „In vier Jahren feiern wir mit unserem Geschäft hoffentlich 100-jähriges Bestehen. Spätestens dann wird es wieder ein besonderes Schaufenster geben“, ist er sich sicher.